Siegfried

Zweiter Tag der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner
Semiszenische Aufführung

Mit SIEGFRIED setzt das Staatstheater Cottbus seine semiszenische Inszenierung der Tetralogie fort. Innerhalb der Parabel über den Zusammenhang von Besitz, Macht, Liebe und Tod mutet SIEGFRIED beinahe wie eine märchenhafte Fantasy-Geschichte an und ist dennoch eingebettet in Wagners vielschichtiges Welterklärungsmodell: Das in Urzeiten am Boden des Rheins liegende Gold ist längst in die Hände skrupellos Besitzgieriger geraten. Zu einem Ring geschmiedet, verleiht es nun maßlose Weltmacht, bringt aber gleichzeitig seinem Besitzer den Untergang. Dennoch machen sich Götter und Nibelungen - Mächtige und Emporkömmlinge - diesen Ring gegenseitig abspenstig, scheuen dabei vor Betrug und unlauteren Mitteln nicht zurück. Weder Wotan noch Alberich gelingt es, ihn seinem derzeitigen Hüter, dem Riesenwurm Fafner, zu entreißen. Genau das vermag allerdings der langersehnte Held Siegfried. Er, der Sohn Siegmund und Sieglindes und Vollwaise, wächst in einer Waldeshöhle bei dem Nibelung Mime auf, schmiedet die Scherben des Schwertes Nothung zusammen, tötet damit den Riesenwurm, erobert den Ring und erfährt von der schlafenden Brünnhilde. Die ehemalige Walküre, die Wotan einst zu einer Menschenfrau degradierte, wartet auf die Befreiungstat eines Helden, der lodernde Flammen zu durchschreiten wagt. Wie frei und unabhängig Siegfried geworden ist, erfährt Wotan (der Wanderer), als der Ungestüme ihm das Symbol göttlicher Macht zerschlägt - seinen Speer. Die Inszenierung des Staatstheaters Cottbus schafft eine Möglichkeit, die szenische Handlung fast kammerspielartig zu inszenieren: Das Philharmonische Orchester wird auf die Bühne platziert, davor singen und spielen die Figuren.

PREMIERE Samstag, 26. März 2011

Präsentiert von

Besetzung

Musikalische LeitungEvan Alexis Christ
RegieMartin Schüler
AusstattungGundula Martin
DramaturgieDr. Carola Böhnisch
Musikalische AssistenzFrank Bernard, Christian Georgi, Andreas Simon, Peter Wingrich
Regieassistenz
 
SiegfriedPeter Svensson
MimeHardy Brachmann
WandererJacek Strauch
AlberichAndreas Jäpel
FafnerIngo Witzke
ErdaMarlene Lichtenberg
BrünnhildeSabine Paßow
WaldvogelCornelia Zink
 
Es spielt das Philharmonische Orchester.

Rezensionen

Jens Daniel Schubert, Sächsische Zeitung, 28.3.2011

„Bis zu Wagners 200. Geburtstag im Jahr 2013 soll ‚Der Ring des Nibelungen‘ am Cottbuser Staatstheater geschlossen sein. Bereits 2003 war Auftakt mit ‚Rheingold‘, 2008 folgte ‚Die Walküre‘ und am Sonnabend wurde ‚Siegfried‘ unter großem Jubel des Publikums zur Premiere gebracht. […] Die Inszenierung will nicht vordergründig Weltengeschichte oder Sozialkunde betreiben. Sie verzichtet auf mythische Überhöhung, nimmt alle, ob Zwerge, Götter oder Riesen, Held oder Walküre, erst einmal als Mensch. Sie zeigt, wie sie sich zueinander verhalten und damit, wie sie zueinander stehen, welche Interessen sie treiben. So wird die Geschichte plötzlich ganz einfach, gut verständlich, geradezu kurzweilig, zumal Schüler gern auch die heiteren, burlesken Züge der Vorgänge betont. Da wird das Waldvögelein zu einer neckischen Papagena, die von Wotan immer dann und dorthin geschickt wird, wo er sie braucht, um Siegfried nötige Informationen zuzuspielen. […] Einhellig war der Jubel für die musikalische Bewältigung des Mammutwerkes. Evan Christ führt das Philharmonische Orchester sicher und genau und hat Kraft und Pathos für die großen Ausbrüche. Allerdings nimmt er den Apparat zwischendurch auch sehr gezielt zurück, lässt einzelne Register aufblitzen, zeigt die Struktur und den feinsinnigen Glanz, den es zu entdecken gilt. Das Sängerensemble folgt Christs Führung ebenso konsequent und eingeschworen wie der szenischen Interpretation von Martin Schüler. Stimmlich sind die Partien eine Herausforderung. Doch es ist beachtlich, wie viel stimmliche Potenz und Glanz das Cottbuser Staatstheater auf seine Bühne bekam. Peter Svensson ist ein kraftvoller, unbekümmert spielender Siegfried mit glanzvollen Momenten, Sabine Paßow eine reife Brünnhilde, die in Gesang und Spiel viele Facetten ihrer Rolle zum Leuchten bringt. Uwe Eikötter spielt den Mimen mit stimmlich wie körperlich großem Einsatz und komödiantischer Ader. Andreas Jäpel ist als sein Bruder Alberich ein markanter Gegenpol. Nico Woutersee gibt den Wanderer in Ambivalenz zwischen abgeklärtem Beobachter und sich einmischendem Spielmeister. Die Ursprünglichkeit und Direktheit, mit der die Sänger um die Partie, um die Figur und ihre musikalische Interpretation ringen, gibt der Aufführung eine Authentizität, die zu ihrem Gütesiegel wird, zu einem würdigen Beitrag auf dem Weg zum Wagnerjubiläum.“


Irene Constantin, Lausitzer Rundschau, 28.3.2011

„Dem Orchester bei dieser Schwerstarbeit zusehen zu können, machte doppelte Freude. Das Auge hört mit – und man entdeckte so viele Feinheiten wie niemals in herkömmlichen Aufführungen. Während des viereinhalbstündigen Abends ließ Evan Christs Aufmerksamkeit niemals nach, immer ging er dem Sinn der Musik nach. Technisch stimmte fast alles und der Zugriff war energiegeladen, ohne den Sinn für Nuancen einzubüßen. Nein, keine Neuerfindung der konzeptionellen ‚Ring‘-Erkundungen. Dafür gelang Martin Schüler das äußerst seltene Kunststück, den Langweiler unter den vier ‚Ring‘-Teilen, den ‚Siegfried‘, zu der witzigen und nie um einen Gag verlegenen Komödie zu machen, die Wagner eigentlich damit im Sinn hatte. […] Kein Niveauabfall innerhalb des ausgewogenen Solistenensembles. Mit dem Gast Peter Svensson steht ein blondgelockter, muskelbepackter Bilderbuch-Siegfried auf der Bühne. Und er geht seine kraftschlauchende Endlos-Partie mit Herzhaftigkeit an und hat die nötige Kraft, den ungestümen Helden glaubhaft zu machen. Man könnte sich den einen oder anderen Ton beseelter ausgesponnen vorstellen, aber auf seiner Lieblings-Waldweise hat er den lyrischen Ton durchaus. Höhe, Intonation, Durchhaltevermögen, alles stimmte. Sabine Paßow, Brünnhilde, ist nur kurz, dafür aber heftig gefordert. Den entsprechenden kraftvollen Wohlklang hatte sie parat. Nico Wouterse als Wanderer und Andreas Jäpel als Alberich hörte man glänzend disponiert. Es erklang kein Wagner-Parlando, sondern echter und kerniger Bariton-Stahl. Der junge Ingo Witzke war ein bassschwarzer Riese und Drache mit Herz. Seine goldene Flüstertüte ist ein echter Hingucker, aber auch ohne sie war die Stimme fafnergemäß genug. Uwe Eikötter gab tatsächlich den eher parlierenden Mime, aber wie er schwindelte und eitel triumphierte, wie er sich wand und krakeelte, schade eigentlich, dass er auf Siegfrieds Strecke blieb. Marlene Lichtenberg orgelte erstaunlich tiefdunkel als Urmutter Erda und durfte sogar gegen Wotan motzen, während das Waldvögelein alles tat, was der Göttervater wollte. Cornelia Zink sang die Zwitscherpartie in nie gehörter Textverständlichkeit und pfiff, obwohl bunt herausgeputzt, am Ende frech wie ein Spatz.“


Carsten Niemann, Kulturradio vom rbb, 28.3.2011

„Schüler hat aus der Not eine Tugend gemacht: Die Handlung findet vor allem als Kammerspiel auf der Vorderbühne statt, die in einem die Zeiten überspannenden Realismus dekoriert ist. Die Höhle, in der Zwerg Mime den Titelhelden Siegfried aufzieht, ist eine hutzelige Schmiedewerkstatt mit Blasebalg mit einer Küchenecke im Stil des 19. Jahrhunderts. Der Wald hingegen ist eine angedeutete Schonung mit echten Kiefern und einem Stacheldrahtzaun. Dahinter müsste sich nun eigentlich die Drachenhöhle befinden – stattdessen hockt dort im Halbdunkel das Orchester. Die realen Konflikte der realistisch gezeichneten alltäglichen Welt spielen sich also buchstäblich ab vor dem Hintergrund einer mächtigen zweiten Welt: einer Welt der Phantasien und des Unbewussten, in der auch einmal eine Figur verschwinden oder aus der ein Sänger als Drache heraustreten kann. Das Orchester, das von Generalmusikdirektor Evan Christ ausgesprochen transparent, intonationssicher und plastisch dirigiert wird, ist dabei zugleich ein grandioser Bühnenmaler wie auch ein überaus aufmerksamer Partner der Sänger. Die Platzierung der Solisten vor dem Orchester erlaubt es dabei, die Dialoge in einem entspannten und extrem textverständlichen Konversationston vorzutragen. Schüler entdeckt das Stück aber nicht nur als Kammerspiel neu, sondern auch als Komödie. Das ist nicht ungefährlich, denn neben Sinn für dramatische Ironie und Spaß an Situationskomik findet sich bei Wagner auch eine sehr bösartige Komik des Verlachens: etwa dort, wo der Held Siegfried den hässlichen Zwerg Mime verhöhnt. Dieser Gefahr begegnet die Inszenierung, in dem sie sämtliche Protagonisten als reale Menschen mit Schwächen darzustellen versucht. Dies gilt selbst für Wotan, den Nico Wouterse als bereits leicht ergrauenden Intellektuellen spielt: Selbstsicher und ironisch im Auftritt und nervtötend geschickt im Argumentieren, aber unsicher und unselbständig, sobald er seiner Ex, Urmutter Erda begegnet (beeindruckend präsent und sonor: Marlene Lichtenberg). Eine Glanzleistung gelingt Uwe Eikötter in der Rolle von Siegfrieds verhasstem Pflegevater Mime. Mit einer volksschauspielerhaften Komik in den Bewegungen offenbart er mit Hilfe feiner Stimmfärbungen auch Hass und Verletzlichkeit seiner Figur.“

Bildergalerie

Film

Siegfried

Unterstützt durch

Meinungen

Eine Super-Leistung des Theaters Cottbus. Wir kamen aus Berlin und werden bald wieder im schönen Cottbusr Theater sitzen.