Das Tagebuch der Anne Frank

Übersetzung von Ulrike Patow

Ein öffentlicher Platz mitten in einer deutschen Stadt. Auf einem Quader sitzt ein Mann, Zeitung lesend. Eine dunkelhäutige Frau betritt die Szene. Sie ist zu Gast in Deutschland und wird in ein paar Tagen mit der Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ auftreten. In einer ruhigen Ecke des Platzes singt sie zur Vorbereitung die vollständige Oper für sich. Hin und wieder kommen ein Mädchen und zwei weitere Männer auf den Platz. Als die Sängerin sie bemerkt, versucht sie, mit ihnen in Kontakt zu treten, wird aber ignoriert, gar zurückgewiesen. Dann eskaliert die Situation …

Das Tagebuch der Anne Frank ist eine zutiefst bewegende Chronik. Das jüdische Mädchen floh mit seiner Familie vor den Nazis nach Holland. Während der deutschen Besatzung lebten die Franks von Anfang Juli 1942 bis zu ihrer Entdeckung am 4. August 1944 verborgen in einem Amsterdamer Hinterhaus. Im Mai 1945 starb Anne Frank im KZ Bergen-Belsen. Grigori Frid verdichtet in seiner Oper Annes Schilderungen dieser Zeit in knappen musikalischen Szenen. Erfahrbar werden Seelenzustände des jungen Mädchens, das seinen Weg zum Erwachsenwerden allein beschreiten musste.

Die Rolle der Sängerin, die Anne Franks Schicksal erinnert, hat Gesine Forberger übernommen, deren große Bandbreite an stimmlichen und darstellerischen Fähigkeiten in der Inszenierung ohne die Distanz des Orchestergrabens zu erleben ist.

PREMIERE Samstag, 27. November 2010

Besetzung

Regie, Bühne, KostümeHauke Tesch
DramaturgieBernhard Lenort
Regieassistenz
Musikalische AssistenzChristian Georgi
 
Judith Madir - Sängerin der Anne FrankGesine Forberger
 
Der HeutigeHeiko Köhler, Thomas Mietk
Der GestrigeMaik Schuppan
Ein armer MannJakob Grundmann, Richard Karraß
Die KünftigeMarie-Christin Fürst, Alexa Staar
 
KlavierFrank Bernard, Christian Georgi

Rezensionen

Irene Constantin, Lausitzer Rundschau, 29.11.2010

„Eine Sängerin probt für eine Opernaufführung. Sie tut es nicht im geschützten Raum, sondern eben mal so für sich, auf einem sonnigen Platz in der Stadt. Sie trägt eine exotische Lockenfrisur, hat einen hellbraunen Teint, stammt aus Marokko. Sie erarbeitet eine große Solopartie, die Anne Frank. Das ist die Ausgangssituation in Hauke Teschs Inszenierung von Grigori Frids Monooper. […] Gesine Forberger scheute sich nicht, ihre vokale Leuchtkraft ins Zerbrechliche, Schrille, in den Klang der puren Angst zu verwandeln. Auch Hauke Tesch trieb an solchen Drehpunkten seine plötzlich wichtige Rahmenhandlung beklemmend gegenwärtig voran.“


Jan Brachmann, Frankfurter Allgemeine, 1.12.2010

„Schon als Genre – rein ästhetisch und psychologisch in dem steten Wechsel von Introperspektive und Projektion – stellt so eine Mono-Oper heikle Aufgaben. In der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus sang Gesine Forberger die Partie der Anne Frank: warm und sehnsüchtig, wo das Mädchen an sich selbst das aufkeimende körperliche Begehren nach dem jungen Peter bemerkt; bis zum grellen Schrei gesteigert, wo sie in der Enge des Verstecks zu ersticken droht. […] Die Vorgänge um Anne Frank, durch das Tagebuch auf das allerkonkreteste beglaubigt, werden von Ort und Zeit abgelöst. Anne Franks Schicksal wird übertragbar. Das berührt den Kern aller Debatten über die Holocaust-Gedenkkultur: War dieses Ereignis einmalig und unvergleichlich, eine quasi metaphysische Hierophanie des Bösen? Oder hat sich darin nur die universelle Ungeheuerlichkeit des Menschen gezeigt, wie sie sich allerorts und jederzeit zeigen kann? In Cottbus bestand das Bühnenbild nur aus Quadern und Würfeln. Mit ihnen wurde die Sängerin langsam eingekeilt. Hier sind wohl auch Stelen in Bewegung geraten.“


Richard Erkens, Märkische Allgemeine, 29.11.2010

„Die Rolle der marokkanischen Sängerin bzw. der Anne Frank gestaltet Gesine Forberger sehr beeindruckend. Das Konzept ist ganz auf ihre Person zugeschnitten. Das hilft, denn Forberger hat eine große Stimme, nicht die eines jungen Mädchens. Ihr flexibler Sopran leuchtet alle Stimmungs-Nuancen der Figur aus. Sie schafft es, sowohl die ausländische Sängerin darzustellen, die sich anfangs mit einem Kaffee-Becher ein ruhiges Plätzchen auf den Steinblöcken sucht, um zu proben. Dann ist sie aber auch gleichzeitig die ferne, zerbrechliche Stimme der Anne. Ihre Worte verschränken sich zunehmend mit einer gegenwärtigen Spielsituation, die die Spannungskurve steigen lässt. Anders als das Tagebuch endet dieser Abend aber nicht mit einem plötzlichen Abbruch der inneren Reflexion. Er endet mit einem traurigen Knalleffekt, der einem in die Glieder fährt. Damit findet die Inszenierung überraschenderweise ein Bild für das, was auch zur Geschichte dieses Tagebuches gehört, nämlich die Katastrophe. Und dass diese sich nicht nur in der Vergangenheit ereignet hat, sondern auch in jüngster Zeit, das zeigt dieser Abend auch.“


Bernd Weinreich, Der Märkische Bote, 4./5.12.1010

„Beeindruckend die Bühne (Hauke Tesch): 18 unterschiedlich große Quader, an das Holocaust-Denkmal in Berlin erinnernd, engen den Bewegungsraum der Sängerin ein, nehmen ihr den Atem, werden zu Losungen und übermächtig groß, wollen den Gesang verstummen lassen – verstummen bis zum Schweigen.“

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