Edgar Dusdal schrieb zu Francesco:
verfasst am Donnerstag, den 19.11.2015 um 23:38 Uhr
 

Das Bühnenbild nach der Pause ist zweigeteilt. Es gibt die irdische, sowie darüber die transzendente Ebene. In deren Mitte hängt Franziskus, gleichsam gekreuzigt, nun ganz christusgleich, nicht nur mit den Stigmata versehen, sondern selbst ein Gekreuzigter. An ihm hängen drei Felsbrocken die drohend über den Köpfen des gemäß Leonardo da Vincis in Szene gesetztem Abendmahlsbild hängen.
Die Abendmahlstafel ist jedoch zweigeteilt. Im Zentrum thront Maria, die Mater Ecclesia, die selbst diese Kirche repräsentiert. Sie halbiert die Tafel und über ihr schwebt der größte Fels. Man könnte mit den Felsen Golgatha assoziieren, oder Franziskus als neuen Petrus, also Fels, dem jetzt als neuen Ordensgründer gilt, Du bist der Fels und auf Dich will ich meine Kirche bauen. Der damalige Papst Innozenz III. hatte nach franziskanischer Hagiographie in einem Albtraum die kirchliche Institution einstürzen sehen doch in Franziskus den Erhalter derselbigen, weshalb er zur Rettung auch seines Papststuhles den Orden bewilligte. Heute sitzt auf dem Stuhl Petri als Papst einer der sich Franziskus nennt. Doch wer wird hier siegen, papalisiert das Papstamt Franziskus oder wird das Papstamt franziskanisiert ?
Auf jeden Fall, so suggeriert es zumindest das Bühnenbild, hängt das weitere Leben, die weitere Existenz der Mater Ecclesia von der franziskanischen Existenz derselben ab. Nur sie vermag den Vollzug des drohenden Gerichtes aufzuhalten, den Stein in der Schwebe zu belassen.
Um dies verständlicher zu machen, ziehe ich als zweite ins Bild gesetzte Symbolebene den Atridenmythos hinzu. Der Stammvater der Atriden ist Tantalus, jener Zeussohn, der die Götter dadurch auf die Probe stellen wollte, dass er ihnen den eigenen Sohn servierte. Bis auf Demeter, die in Trauer um Persephone gefangen, die Schulter des Pelops aß, wiesen die Götter das Mahl entrüstet von sich. Pelops wird von den Göttern das Leben neu geschenkt. Tod und Auferstehung erleben Jesus und Pelops gleichermaßen. Doch seitdem muß Tantalus seine sprichwörtlich gewordenen Qualen erleiden, zu denen auch ein Fels gehört, der, wie auf der Bühne sichtbar, an einem dünnen Faden über ihm schwebt. Maria Tantalus Ecclesia. Ja auch die Kirche opferte und opfert oftmals immer noch ihre Kinder. Das Abendmahl wird so gleichsam zum Tantalusessen und bleiben wir im Atridenmythos, so wissen wir, dass die Söhne des Pelops dem Fluch verhaftet bleiben. Atreus setzt seinem Bruder Thyestes dessen eigene Kinder vor, die dieser verzehrt. Aus dem Abendmahl wird ein thyestrisches Mahl. Und es muß es zwangsläufig werden, wenn Religion und Macht in eins fallen. Dann opfern Menschen einander um einer Idee willen, statt sich darauf zu besinnen, dass das Opfer Jesu das Ende aller Opfer darstellen sollte. Insofern kann nur der Weg des Franziskus hinaus aus einer auch an Macht partizipierenden Kirche das Gericht über dieselbe aufhalten. An ihm hängt das Schicksal der Kirche oder, sollen wir sagen der Welt?
Unter ihm befindet sich die erstarrte Abendmahlsgemeinde. Oder ist es die erstarrte Kirche selbst, die nicht mehr konservativ, sondern schon Konserve geworden ist? Von Zeit zu Zeit erscheinen zwei Kellner diese abzustauben. Die Kirche ist zum Museum geworden, und in ihren Zeugnissen stellt sie nur noch ein Kulturgut vergangener Zeiten dar.
Das Leben wird von außen in Gestalt von zwei Kellnern in die Abendmahlsgesellschaft, oder ist es eine Abendgesellschaft, oder eine Abendlandgesellschaft ? gebracht.
Die Apokalypse jedenfalls hat schon stattgefunden, wenn wir dem Hintergrundbild auf der Bühne Glauben schenken wollen. Von Zeit zu Zeit fliegen ein paar Tauben über die zerstörte Städtelandschaft. Symbolisieren sie einen letzten Rest an Hoffnung, der Taube der Arche Noah gleich, die mit einem Ölbaumzweig zurückkehrt oder sind sie Symbol des Heiligen Geistes, der nun im Plural, da Religion nur im Plural gedacht werden kann neu zu wehen beginnt?
Es wäre eine Ironie, wenn die Kellner, als Ausdruck der säkularen Welt, die allein Leben in die Gesellschaft und ins Bild bringen, die Abendmahlsteilnehmer aus ihrer Erstarrung befreien wollen, doch nur das Gegenteil erreichen. Denn denen, denen sie einschenken, und die von ihrem Wein kosten, sinken sogleich unter den Tisch und zugleich in einen ewigen Schlaf. Der Versuch der Welt, die Kirche neu in Bewegung zu setzen, scheint zum Scheitern verurteilt. Bewegung kann nur von innen kommen.
Maria streichelt von Zeit zu Zeit ein totes Rehwild, das blutig auf ihrem Schoß liegt. Als Pieta ist aus dem Sohn Gottes, dem Lamm, ein Rehwild geworden. Ist das ein Hinweis auf das Psalmwort: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir Herr“, das seufzergleich Maria entweicht oder erobert an heiligster Stelle, im Zentrum des Bühnenbildes und des Glaubens angelangt, auch hier der Atridenmythos die Szenerie? Erobert sich das Heidentum die Welt zurück? Dann säße nicht Maria dort, sondern die Jungfrau Artemis, die das ihr heilige Wild betrauert, das der Atreussohn Agamemnon in ihrem heiligen Hain niederstreckte, und so den Zorn der Göttin provozierte. Um sie zu besänftigen, opferte der Vater seine Tochter Iphigenie, auf das der Wind wieder weht und die griechische Flotte gen Troja segeln kann.
Dann häuften sich in dem Bühnenbild Genrationen von Opfern von Pelops über die Thyestessöhne bis hin zu Iphigenie. Jedesmal opfern die Eltern ihre Kinder, so wie der Fortschritt in seiner Ambivalenz Leben gibt und Leben nimmt. Doch bleibt der Mythos, verbleiben die säkularen Opferrituale im Kontext des Abendmahltisches als dem Opfertisch schlechthin. Und der Abendmahlstisch steht immer noch für die Verheißung einer Welt, die Leben ohne Opferung anderen Lebens denken läßt. Das Ganze wird zwar noch einmal gebrochen, da es sich vor einem Hintergrundbild abspielt, das eine apokalyptischen Opferung jedweder Zukunft in Aussicht stellt, also alles in Nihilismus versinken lässt. Wenn da nicht die Tauben wären, die wieder Leben und Hoffnung ins starre Bild bringen. Franziskus wurde zum Christusnachfolger. Das predigt das letzte Bild auf eindringliche Weise. Das Stück lädt dazu ein, sich mit ihm zu identifizieren, damit das drohende Weltgericht weiter aufgehalten werden kann.

Das ganze Stück ist einem Gottesdienst durchaus vergleichbar. In seiner langsamen Darstellungsweise transzendiert es die Zeit, es entrückt den Zuschauer und läßt ihn gleichzeitig zu sich selbst kommen. Je langsamer, je sparsamer die Gestik auf der Bühne um so aufdringlicher empfindet man jede eigene Körper- und Geisteswahrnehmung. In meditativer Weise, durch die Musik kongenial eindringlich gemacht, transportiert das Stück seine Botschaft(en).

Franziskus Botschaft erging in einer Zeit, in der noch Bürger- und Christengemeinde nahezu identisch war. Das ist heute anders. Doch dadurch bleiben die in der Religion wach gehaltenen existenziellen Fragen auf den Raum der Kirche bezogen. Sie erreichen nicht mehr die Menschen jenseits der Kirchenmauern. Bei dem Versuch, Menschen wieder in die Kirche zu bringen, verwandelt sich der Gottesdienst manchmal zum schlechten Theater. Doch manchmal kann man es erleben, dass das Theater zum guten Gottesdienst wird. Danke!

Anmerkung des Theaters: Der Theologe Edgar Dusdal ist Pfarrer an der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Berlin Lichtenberg. Wir danken herzlich für diesen ausführlichen Beitrag.

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wolfgang hainer schrieb zu Francesco:
verfasst am Donnerstag, den 17.09.2015 um 16:23 Uhr
 

Von der DDR in die Bundesrepublik: "Von einem ideologischen Gefängnis ins andere" - schon stark, woher nimmt Fabian, eben gerade im rbb, eigentlich diese unglaubliche verfälschende Selbstsicherheit?

Wolfgang Hainer nimmt Bezug auf ein Interview, das der Regisseur Jo Fabian am 17.9. im Kulturradio vom rbb gegeben hat. Sie finden das Interview noch sieben Tage unter http://mediathek.rbb-online.de/radio/Kulturradio-am-Nachmittag/Jo-Fabian-Regisseur/kulturradio/Audio?documentId=30634262&topRessort=radio&bcastId=9839134
Bernd Seidel, Lt. PR/Marketing

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Ingrid schrieb zu Anatevka (Fiddler On The Roof):
verfasst am Montag, den 11.03.2013 um 09:31 Uhr
 

Habe die Aufführung am 09.03.13 im Hans-Otto-Theater Potsdam gesehen, das Cottbuser Staatstheater hatte dort ein Gastspiel. Ich war überwältigt von der Aufführung, besonders von den Darstellern, die sehr überzeugend gespielt haben. Bühnenbild war klasse. Gunther Emmerlich spielte den Tevje, was noch ein zusätzliches Highlight war. Vielen Dank an alle Beteilgten für den unvergessenen Abend.

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Anne schrieb zu Anatevka (Fiddler On The Roof):
verfasst am Freitag, den 22.06.2012 um 08:47 Uhr
 

War das schön! Ich habe wirklich mitgefühlt, wie traurig der Abschied ist. Diese Inszenierung ist wunderbar. "Ist es Liebe?" Ja, ich liebe dieses Theater!!!

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Regina schrieb zu Anatevka (Fiddler On The Roof):
verfasst am Samstag, den 05.05.2012 um 18:35 Uhr
 

Ein unvergesslicher Abend, ein wunderschönes Bühnenbild - Chagall läßt grüßen - und die hohe stimmliche und schauspielerische Qualität begeisterten uns. Die Darsteller schenkten uns eine wunderbare Aufführung, DANKE

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Wolfgang Rosenthal,Berlin schrieb:
verfasst am Mittwoch, den 31.08.2011 um 15:31 Uhr
 

Das war ein wunderschöner Nachmittag in Branitz (Theater und Musik in Pücklers Park am 28.8.2011 - Anm. d. Adminstr.). Herrlichstes Wetter, beste Unterhaltung und leckere Speisen und Getränke. Die große Resonanz hat uns sehr erfreut.
MFG Rosenthal, Berlin

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Carl schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Dienstag, den 19.04.2011 um 17:59 Uhr
 

Ich war zur Premiere und bin immer noch begeistert!

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Stephan P. schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Montag, den 24.01.2011 um 16:42 Uhr
 

Dieser großartige Abend erweist vor allem die absolute Blödigkeit und Niveaulosigkeit der deutschen Theaterkritik. Dass geschätzte fünf Minuten nackte Menschen auf der Bühne stehen, reicht schon, um die meisten Kritiker gleichermaßen säfteln wie sich empören zu lassen. Kein Wort über die grandiose Darstellung eines getriebenen Menschen, der auf der Suche nach dem Glück ein ums andere Mal scheitert. Kompliment für den phantastischen Roland Renner und das ganze Team.
P.S. Ein, zwei Mätzchen weniger wären zu verkraften gewesen :-)

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sebastian schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Sonntag, den 26.12.2010 um 19:52 Uhr
 

Ich sage mal so, es gibt in diesem Stück einige Szenen, die man hätte rausschneiden können bzw. die nicht besonders sehenswert sind, aber im Großen und Ganzen ist es ein sehr gelungenes Stück, das sicherlich noch einige Male zu sehen sein wird. Die Schauspieler spielen es mit einer Inbrunst, als ob sie es selber sind. Es ist toll.
Ein mitwirkender Statist

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Jan Vesper schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Donnerstag, den 11.11.2010 um 14:54 Uhr
 

Es ist bitter mitzuerleben, wie schnell sich Cottbus nach dem Filmfestival wieder in eine Kulturwüste verwandelt hat. Die Diskussion um die Pückler-Inszenierung am Staatstheater zeigt, wo diese Region wirklich angekommen ist und was sie mit Visionen und mutigen Interpretationen anzufangen weiß. Wer von diesen nun empörten, scheinheiligen, biederen, mittelmäßig gebildeten Zeitgenossen hat denn ernsthaft versucht Pückler zu verstehen, sich in ihn und seine Zeit hineinzuversetzen? Und was haben die alle von "ihrem" Staatstheater im Jubiläumsjahr erwartet? Ganz klar, eine nette, opulente Pückler-Operette mit Pyramide und Schloss im Bühnenbild. Dazu eine bunte Inszenierung, musikalisch hübsch untermalt, eine Art Aufklappbilderbogen mit dauergrinsenden Schauspielmarionetten. Ja, so war er unser grüner Gartenfürst! Natürlich nicht ganz, das ist schon klar. Doch ein dauergeiler Bock, der möglicherweise nicht mehr so konnte wie er wollte, einer, der sich mit einer exotischen Minderjährigen umgab, ein abgefahrener Freak eben, der mit seiner Zeit haderte, immer wieder auszubrechen versuchte, verzweifelt war und zugleich voller Hoffnung und Lebenslust, so einer war der Fürst zwar auch. Aber auf der Bühne unseres staatlich subventionierten Theaters will man so einen nicht sehen. Das sollte klar sein - in Cottbus! Recht so, holt den Intendanten und den Regisseur vor alle Ausschüsse dieser kulturliebenden Stadt und fordert das viele Steuergeld zurück von diesen Banausen. Lasst sie erklären, was nackte Titten mit unserem imageträchtigen Romantiker aus Branitz zu tun haben. Schickt den Schüler am besten gleich in die Wüste und lasst Hansi Hinterseer auf die Bühne im Großen Haus. Das tut zwar auch weh, allerdings nur einer mittlerweile zu vernachlässigenden Minderheit.
Jan Vesper, radioeins vom rbb

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Nora Müller schrieb:
verfasst am Donnerstag, den 25.11.2010 um 17:08 Uhr
 

Hallo Herr Vesper, danke für diesen Beitrag. Besser kann man es nicht ausdrücken. Beim Lesen der LR oder des Märkischen Boten, ebenso ND ist man an vergangene Zeiten erinnert, wenn gefordert wird, daß der Intendant und Regisseur vor dem Kulturausschuss (oder Bezirksleitung?!) Rechenschaft ablegen sollen. Vielleicht sollten doch einige dieser biederen Zeitgenosssen erst mal das Buch "Der grüne Fürst" lesen.

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Bärbel Manke schrieb:
verfasst am Freitag, den 26.11.2010 um 14:37 Uhr
 

Lieber Herr Vesper,
Sie haben mir mehr als aus der Seele "geschrieben". Aber verwunderlich ist das in Cottbus nicht, denn für diese miefige, provenzielle Kultureinstellung ist Cottbus schon seit mindestens 50 Jahren bekannt. Es hat sich also nichts geändert an der Kulturfront.
Aber wir dürfen die Hoffnungen nicht aufgeben. Beim Filmfestval ist ja nun auch endlich ein gewisses Interesse der Cottbuser zu verzeichnen. Ok, es hat 20 Jahre gedauert, aber immerhin. Vielleicht dauert es auch so lange, um die wunderbar inszenierte "Pückler-Utopia" zu verstehen - in Cottbus.

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Matthias Reimann schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Sonntag, den 07.11.2010 um 15:14 Uhr
 

Beim letzten Theaterbruch wurde das Stück (FÜRST PÜCKLERS UTOPIA - Anm. d. Admin.) vorgestellt und sich über die umständliche Bezeichnung Mehrspartenprojekt beklagt.
Hier mein Vorschlag für ein alternatives Kurzwort:
"Tanopiel" Ein Mischwort aus Tanz, Oper, und Schauspiel. Gestern haben wir uns das Stück angesehen. Nicht alles verstanden. Aber ich habe mit meiner Frau noch nie so lange über ein Stück gesprochen. Es hat einen großen Nachhall.

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Norbert Kleinert schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Mittwoch, den 03.11.2010 um 23:38 Uhr
 

Die Frage ist nach wie vor völlig offen: Wer war Pückler? Klimke/Kresnik bieten da gar nichts. Sie zeigen einen Unsteten, Zwiespältigen, Zerrissenen. Dass der Projekte ersann und zu realisieren begann, deren entfaltete Schönheit er selbst nie erleben würde, dass ein solcher Mann für Jahrhunderte plante – es spielt für beide keine Rolle. Anders als seine romantischen Zeitgenossen setzte Pückler seine Träume mitten ins Leben. Schade, dass das so völlig unterging im Jubiläumsstück. Doppelschade, dass dessen Spektakelhaftigkeit den Blick auf den planenden Realisten Pückler noch mehr verstellt. N. Kleinert

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Wieland Schmidt schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Mittwoch, den 03.11.2010 um 23:20 Uhr
 

Gehört hatten wir seit Samstag, seit der Premiere, ja allerhand. Arbeitskollegen, denen ich am Montag erzählte, dass wir Karten für das Pücklerstück haben, schürzten die Lippen. Für das Skandalstück? – Irgendetwas, liebe Theaterleute, hatte sich übers Wochenende rumgesprochen, das mit dem Anlass des Ganzen, mit Fürst Pücklers Geburtstag, beim ersten Hinsehen nichts mehr zu tun hatte. Entsprechend gespannt sind wir heute (3.11.2010 - Anm. d. Admin.) ins Theater gezogen – und alles in allem wohltuend enttäuscht worden. Die „Nackedeis“ sind ansehnlich, die Arrangements großartig und die Lausitzer Ikone wird nicht denunziert. Im Gegenteil: Roland Renner zeigt einen Mann, der am Ende seines Daseins noch immer herausfinden will, was das Leben eigentlich mit ihm vorhat oder was er selbst damit vorhaben könnte. Sein Pückler stellt sich fortwährend in Frage. Den Affen auf seiner Schulter duldet er nur, er liebt ihn nicht. Eine sehr überzeugende Leistung des Gastes. Ein schönes Geschenk des Theaters für den Jubilar. Cornelia und Wieland Schmidt

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Dr. Joachim Saretz; Cottbus schrieb zu Fürst Pücklers Utopia:
verfasst am Sonntag, den 31.10.2010 um 15:37 Uhr
 

Pücklers Utopia - ein Ende auf der Müllhalde?
Am Sonnabend nun endlich die lang erwartete und mit unterschiedlichsten Begleitprogrammen vorbereitete Ehrung des Fürsten Pückler. Nach ausführlicher zu lang währender Würdigung des Jubilars im Rahmen eines Festaktes dann das mit Spannung erwartete Stück "Pücklers Utopia". Ein buntes Spektakel über das Lebenswerk des
Fürsten - laut und kreischend. Ein zweistündiger Parforceritt durch das bewegte Leben Pücklers, mit Satzfetzen, die wenig von Inspiration für Pücklers Träume preisgaben, dafür aber viel Unsinn und Unverständnis, leider auch in der textlichen Artikulation. Die schlussendlich in der Endzeitapokalypse mit dem Inferno von Pücklers Parkträume und dem Versinken im modernen Wohlstandsmüll endeten. Selbst der Versuch, das Publikum theatermäßig zu "veräppeln", mißlang dank der Verweigerung eines nicht namentlich genannten Ensemblemitgliedes auf vier Beinen. Aus der "Veräppelung" wurde doch eher "Dünnsch...", abschließend ja fachgerecht entsorgt auf der Müllhalde.
Pücklers Utopia? Armes Utopia, armer Pückler, armes Staatstheater mit seinem Publikum, armes Cottbus, Alle habt ihr besseres verdient.
Am Sonntag dann Spaziergang durch den im Sonnenllcht herbstlich glänzenden Pücklerpark.
Er war unbeschadet.
Trotz alledem!

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Johann Klien schrieb:
verfasst am Montag, den 01.11.2010 um 22:20 Uhr
 

Na, das sind sie doch, die Cottbuser Zipfelmützen! 4 Paar nackte Brüste, 8 nackte Arschbacken, 1 nackter schwangerer Bauch – schon wackeln sie empört mit den greisen Häuptern und finden, sie hätten Besseres verdient. Ja, was denn nur? Die Brüste waren doch schön. Auch die Backen waren es wert, gezeigt zu werden. Mehr von diesen Backen, mehr davon, hätten wir am Samstag rufen sollen, und ein paar Schwänze dazu. Schwänze fehlten nämlich; jetzt, im Rückblick, fällt es mir auf: Es war ein ganz und gar schwanzloser Abend. Kein Phallus weit und breit, nix von Fruchtbarkeit und Kraft, nur ein Graf in Unterhosen, welche er, wie später auch die Reithosen, einfach nicht runterkriegte. Da hat sich Kresnik wohl von der neusten Pückler-Forschung kirre machen lassen. Die meint entdeckt zu haben, dass der Fürst nicht konnte, wie er wollte. Herr Dr. Saretz, wissen Sie, dass damit alles in einem anderen Licht erscheint? Oder wissen Sie es nicht mehr? Stellen wir uns doch kurz vor, Kresnik habe sich auf den tollen Lausitzer nur deshalb eingelassen, weil er ahnt, was es heißt, nicht mehr zu können, wiewohl man doch ein Leben lang verkündet hat, dass man es kann. Und zwar nicht nur den Frauen (oder den Männern, wie auch immer) beischlafen, sondern auch dem Theater die Politik eintreiben. Und nun, irgendwie und irgendwarum, geht das nicht mehr, wie es bislang ging. Mittendrin ist man immer noch, in Osnabrück (das liegt im Westen) oder in Cottbus (im Osten), dennoch: Irgendwie und irgendwarum ist politisches Theater heute anders und was man selbst „beischlafen“ könnte – man(n) Kresnik zeugt dabei rein gar nichts mehr. Wie eben der Lausitzer Graf rein gar nichts zeugte, außer – Parks. In einem ökologischen Zeitalter sind sie Symbole und in der armen südbrandenburgischen Provinz Hoffnungsträger, eigentlich aber sind sie doch herrschaftlicher Firlefanz. Was sollte einer wie Kresnik daran sympathisch finden, worauf , Herr Saretz, haben Sie eigentlich gehofft?
Johann Klien

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